Ist Deutschland noch zu retten?

Collage, übernommen von Udo Kellmann

 

Sind wir Zeitzeugen des Untergangs unserer europäischen Zivilisation?

Werteverfall, Geburtenrückgang, Schuldenkrise, Massenmigration, Technikfeindlichkeit und Wohlstandsverwahrlosung. Was sind die Ursachen dieser dramatischen Verfallsprozesse? Erleben wir einen Sittenverfall wie im alten Rom? Verabreden sich Individuen, also einfache Bürger etwa zum kollektiven Sittenverfall und planen Kriege, Krisen und Völkerwanderungen oder haben wir ein ernstes Problem mit unserem politischen Personal?

Tatsächlich sind die direkten Urheber der Misere unsere Regierungen, allerdings unterstützt durch die modernen Massenmedien und oft ahnungslos akzeptiert durch eine schweigende Mehrheit der Bevölkerung.

Im Zentrum aller Probleme stehen etatistische oder kollektivistisch motivierte Allmachtsphantasien, die eine politische Interventionsspirale des Staates auslösen, deren Transmissionsriemen Schuldenmacherei und Inflation sind. Daher ist die Weichwährung des Euro der wirkliche Kern unserer gegenwärtigen Probleme. Das wusste bereits Wladimir Iljitsch Lenin. Ein ihm zugeschriebenes Zitat lautet: „Wer eine Gesellschaft zerstören will, muss ihre Währung ruinieren.“

Aber haben wir heute in Deutschland und Europa überhaupt ein Inflationsproblem?

Inflation bedeutet nicht Preisauftrieb. Preiserhöhungen sind lediglich eine Folge der Aufblähung (lateinisch: inflare = aufblähen) der Geldmenge. Dazu der Ökonom Ludwig von Mises: „Eine Vermehrung der Geldmenge führt dazu, dass die Kaufkraft des Geldes sinkt und die Preise steigen. Das ist Inflation.“ Wer das Inflationsphänomen verstehen will, muss sich mit dem Wesen des Geldes befassen: Geld ist eine Ware wie jede andere, genauer gesagt ein Warensubstitut, also ein allseits akzeptiertes Tauschersatzinstrument. Der Preis des Geldes bestimmt sich wie bei allen anderen Waren nach Angebot und Nachfrage. Damit Geld als Tauschmittel akzeptiert wird, darf es allerdings nicht im Überfluss vorhanden sein, sondern muss knapp sein. Der Indikator für die Knappheit des Geldes ist der Zins, den man als Leihgebühr für die Ware Geld bezeichnen könnte. Der Zins wird von demjenigen der Geld verleiht verlangt, weil ihm das Geld während der Verleihzeit nicht zur Verfügung steht. Schuldner bezahlen Zinsen, weil sie damit ihre ökonomischen Ziele früher als später erreichen können, Beispiel, Immobilienerwerb: Man kann entweder viele Jahre das Geld für einen Hauskauf ansparen oder wesentlich früher mit einem Kredit und entsprechenden Zinszahlungen bauen. Wer wie die Europäische Zentralbank aber mit Minuszinsen hantiert, betreibt Geldschöpfung aus dem Nichts und riskiert schwere ökonomische und gesellschaftlichen Verwerfungen.

Ludwig von Mises wies bereits vor über 70 Jahren nach, dass die größte Zivilisation vor der europäischen Neuzeit, das Römische Reich, nicht durch die Völkerwanderung oder kollektiven Sittenverfall verschwand, sondern durch Inflation. Ludwig von Mises beschreibt in einer seiner Vorlesungen das Phänomen der römischen Inflation, die ihren Ausgangspunkt in der Politik der römischen Kaiser nahm, die ihre gewaltigen Ausgaben für „Brot und Spiele“ ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr durch Steuern decken konnten, sondern auf das Mittel der Münzverschlechterung zurückgreifen mussten. Dass die Münzen weniger Gold- und Silberanteile aufwiesen, wurde von den Händlern aber sehr bald bemerkt, weswegen die Preise für alle Güter kräftig stiegen, was die Regierung zu Preisobergrenzen veranlasste. Wir kennen heute ähnliche Phänomene unter anderen Namen, wie „Mietpreisbremse“, „Mindestlohn“ oder „Kaufprämien“. Ludwig von Mises zeichnete den damaligen Verfall eindrucksvoll nach:

„Die römische Zivilisation zerfiel, besonders ab dem dritten Jahrhundert. Dieser Zerfall innerhalb des Römischen Reiches machte es den Römern unmöglich, Angriffen von außen Stand zu halten. … Was hatte sich ereignet? … Was war die Ursache für den Zerfall eines Reiches, das in jeder Hinsicht die höchste Zivilisation vor dem 18. Jahrhundert erreicht hatte? Tatsächlich wurde die antike Zivilisation durch etwas zerstört, was der heutigen Bedrohung unserer Zivilisation sehr ähnelt, ja fast gleichkommt: Zum einen durch Interventionismus und zum anderen durch Inflation. Der Interventionismus damals bestand darin, dass das Römische Reich Preiskontrollen hatte. Diese Preiskontrollen waren mild, praktisch ohne Folgen, weil sie jahrhundertelang nicht darauf angelegt waren, die Preise unter das Marktniveau zu drücken. Aber im dritten Jahrhundert kam es zu einer Inflation. Die armen Römer hatten zwar noch nicht unsere technischen Möglichkeiten, um Inflation machen zu können: sie konnten noch kein Geld drucken. Sie hatten nur die Möglichkeit zur Münzverschlechterung und dieses Verfahren zur Geldvermehrung war weit weniger leistungsfähig, als das gegenwärtige, mit dem man, dank der modernen Notenpressen, den Geldwert so leicht zerstören kann. Immerhin war es wirkungsvoll genug und wirkte in der gleichen Richtung wie die Preiskontrolle. Denn die von der Behörde gebilligten Preise lagen nun unter dem Niveau, auf das freie Marktpreise infolge der Inflation hätten klettern müssen. Dadurch ging natürlich die Nahrungsmittelversorgung in den Städten zurück. Die Menschen in den Städten wurden gezwungen, zurück aufs Land und ihr Dasein durch Ackerbau zu fristen. Die Römer erkannten damals nicht, was sich da ereignete; sie verstanden es nicht. Sie hatten noch nicht die gedanklichen Werkzeuge entwickelt, um die Probleme der Arbeitsteilung und die Folgen der Inflation für Marktpreise zu erklären. Dass diese Inflation, diese Münzverschlechterung verhängnisvoll war, erkannten sie allerdings schnell. Folgerichtig erließen die Kaiser Gesetze gegen diese fortschreitende Entwicklung. Man erließ Gesetze, die die Stadtbewohner daran hindern sollten, aufs Land zu ziehen. Aber diese Gesetze waren wenig wirksam. Da die Leute in den Städten nichts zu essen hatten und Hunger litten, konnte kein Gesetz sie davon abhalten, die Stadt zu verlassen und in die Landwirtschaft zurückzugehen. Die verbleibenden Stadtbewohner konnten sich nicht mehr als Handwerker in verarbeitenden Gewerben der Städte betätigen. Und mit dem Verlust der Märkte in den Städten konnte man dort auch nichts mehr kaufen. So beobachten wir vom 3. Jahrhundert an den Niedergang der römischen Städte und einen allmählichen Rückgang der Arbeitsteilung. Das führte schließlich zum frühmittelalterlichen System der sich selbst versorgenden Hauswirtschaft, der Villa, wie sie in späteren Gesetzen genannt wurde. Es ist deshalb nicht ganz unberechtigt, wenn man bei einem Vergleich unserer heutigen Verhältnisse mit denen des Römischen Reiches den Schluss zieht: Uns wird es genauso ergehen.“ (Ludwig von Mises: Vom Wert der besseren Ideen – sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik, München 2008, S. 128 ff.)

Wird es uns genauso ergehen?

Die Antwort lautet leider „ja“. Zu weit sind nicht nur Inflation und Interventionismus fortgeschritten, sondern mittlerweile auch sämtliche Begleiterscheinungen eines allgemeinen kulturellen und gesellschaftlichen Verfalls, der die Kräfte einer geistigen Erneuerung, sei es aus dem Christentum oder aus anderen Quellen menschlicher Freiheit und Würde versiegen ließ.

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